Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele: Freude, Schönheit der Natur, Gesundheit, Reisen und Kultur. Darum, Mensch, sei zeitig weise! Höchste Zeit ist's: Reise, reise! - Wilhelm Busch

Mittwoch, 24. August 2011

3. Tag Memminger Hütte - Galflunalm

Ein Marathontag in Sandalen. Ich wusste, was mir bevorstand. Am Abend zuvor hatten wir schon Schauergeschichten gehört über den 2.000-Höhenmeter-Abstieg von der Seescharte nach Zams. Die Story über den Wanderer, dessen Fußsohle bei Ankunft eine einzige Blase war, hat mich besonders beeindruckt. Das fehlte ja noch. Jedes Hin- und Herrutschen in den Sandalen beäugte ich ab sofort etwas argwöhnischer...

Erst einmal musste ich morgens meine Kamera und meine Sonnenbrille wieder einsammeln gehen. Die hatten wir am Abend vor lauter Futter-Narkose und Bergmüdigkeit auf dem Essttisch vergessen. Nach dem Frühstück reihten wir uns dann ein in den Gänsemarsch hinauf zur Seescharte, rund 350 Höhenmeter weiter. Vorbei an einem grün schimmernden See, in dem der hartgesottene Zittauer am Abend noch gebadet hatte. Vorbei an staunenden Wanderern, die meinten, ein Murmel am gegenüberliegenden Hang zu sehen. Doch so fette Murmel gibt es nicht - es stellte sich wenig später doch als Gemse heraus... Viele hatten auch das Glück, ein paar der Steinböcke zu sehen, die sich rund um die Hütte oft blicken lassen. Wir haben leider keine gesehen. Kurz vor dem Übergang auf die andere Bergseite die erste echte Bewährungsprobe für meine Sandalen: eine kurze Kletterei. Sie müssen Gemsen gewesen sein früher, diese Dinger ;-)



Auf der anderen Seite erwartete uns statt kaltem Wind wie bisher warme Sonne. Ein krächzender Rabe. Und von ganz weit her Kuhglockengebimmel. Und dann geht's runter, Meter für Meter, die Trekkingstöcke leisten ganze Arbeit beim Weg über Geröll und Blockwerk, wir überholen Stück für Stück die meisten vor uns, eine 3er Gruppe Frauen, die wir die letzten 2 Tage immer wieder getroffen hatten, Haimons Bettnachbarn, den ich an der Schulter gekrault habe und dessen Kumpel, zwei entspannte Jungs, die selbst am Berg ihr Zigarettenpäuschen einlegen und zwischendurch den ein oder anderen Rocksong anstimmen. "Die Flip-Flop-Frau" quäkt mir einer entgegen, als wir an der ersten Alm vorbeikommen. Und will mir in Zams ein Bier ausgeben am Abend. Sorry, wir laufen nach dem 2000m-Abstieg noch weiter. Obwohl ich schon nach 1000m innerlich wieder nach einem kühlen Bier lechzte, mitten in der Mittagssonne, deren Hitze die weißen Steine reflektieren. Nach einer Weile steigt der Pfad vor uns sogar nocheinmal an. Verengt sich, schlängelt sich am Fels entlang, tief unten rauscht der Fluss dahin, dann geht's wieder in den Wald, es duftet nach Kiefernnadeln, frischem Waldboden, dann wieder Kräutern am Wegesrand. Und dann wieder ein Abstieg, in Serpentinen, tatsächlich überholen wir sogar wieder die Mädels ausm Zug, die sich dann an unsere Fersen heften. Besser: an meine. Haimon hüpft auch nach 1.800 Höhenmetern noch den Berg runter, steht grinsend an einer Kurve und fragt die eine hinter mir "Na, willste vorbeihirscheln?". Das ist zu viel. Hier wird nicht gehirschelt. Erst recht nicht an mir vorbei. So fußlahm bin ich ja wohl nicht. Zumal die andere weiter zurückhängt. Nix is. Ich hüpfe Haimon hinterher. Das Pflaster an der Ferse muss einfach halten. Fertig. Tut es denn auch. Und niemand ist vorbeigehirschelt. Dürfte ein neues Lieblingswort werden :-)

Hinter dem markanten Berg in der Mitte, der Silberspitze (2.461m), liegt erst Zams, ein Zwischenziel.




In Zams bin ich dennoch dankbar für ein Stück gerade Straße. Und den Schlecker, wo wir uns mit Verarztungsmaterial eindecken und eine kühle Cola. Das ist Luxus. Noch mehr aber der Apfelstrudel, den Haimon in einem Café ergattert. Und nicht zu vergessen die Würstchen, der Bergkäse und die Brötchen aus dem Supermarkt. Da macht es auch nichts, dass wir die Venet-Bahn verpassen und eine halbe Stunde auf die nächste warten müssen. Das Essen haben wir uns verdient!

Dann fahren wir hinauf auf den Venet. Einen wunderschönen Aussichtsberg. Wir blicken zurück bis zur Seescharte. Hinüber bis zum Kaunergrat, durch dessen Berge wir in den kommenden Tagen wandern sollten. Zu Gipfeln, an denen Gletscher sich hinunterschlängeln, weite Schneefelder glitzern. Wir sehen den Panoramaweg vor uns, der uns in gut 1,5 Stunden zur Galflunalm bringen wird. Immer an den Flanken des Venet entlang. Durch Heidekraut, Glockenblumen, Gräser. Kühe grasen an verschiedenen Stellen. Selbst nach neun Stunden Unterwegs-sein geben solche Anblicke neuen Schwung. Nur mahnen sie auch zur Vorsicht, wenn man sieht, wie eine Kuh einen Stein lostritt, der dann den Hang Richtung Weg hinunterpoltert. Nach einer Weile erreichen wir die Goglesalm. Und der Boden wird immer feuchter, matschiger. Wir überholen zwei ältere Damen, ich balanciere da schon von Stein zu Stein, um nicht in die Mischung aus Wasser, Kuhkacke und -pipi zu treten. Irgendwann gelingt es mir nicht mehr. Während Haimon in festen Schuhen weit vor mir entlanghirschelt, nehmen meine Füße eine Schlammkur nach der nächsten, immer mal unterbrochen von eiskaltem, klareren Wassern aus kleinen Bächen, die sich über den Pfad ergießen. Es ist mühsam. Hunger kommt hoch. Griesgram droht, wie ich so in den Sandalen rutsche, meine Stöcke zur Hälfte im Hochmoor versinken...

Rast am "Familienwanderweg"


Den Anblick der Hütte muss man erstmal genießen :-)

Erst als ich Haimons freudigen Ruf von vorn höre und die Galflunalm sehe, weiß, dass es wirklich nicht mehr weit ist, ein Pferd wiehern höre und nach 10,5 Stunden und 2.668 erlaufenen Höhenmetern (ohne Seilbahn gerechnet :-) dann endlich vor dem urigen Häuschen stehe, kommen die Lebensgeister wieder. "Kasspätzle, Suppe, das volle Programm?" fragt der Hüttenwirt, was Haimon irritiert, versteht er doch "Karlsbader und das volle Programm"... Vor dem legendären Mahl noch eine wunderbar heiße Dusche. Und dann zum Nachtisch - den Aufgang des Vollmonds über den Bergen. Draußen sitzt ein Trupp kerniger Wanderer, einer lässt sich im Lotussitz vorm Mond fotografieren, und gerade als er passend dazu "Ommmm" sagt, furzt der Fotograf in passender Tonlage. Ich hatte es schon vermisst.

Das linke obere war unser Bett - Zweisamkeit im Matratzenlager :-)

Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen
  2. Das Gefällt und. Da müssen wir wohl mal nach der langen Reise eine Spa Pediküre für die wunden Füßchen sponsern? Oder doch lieber ne klassische Massage bei http://www.kosmeo-dresden.de ??
    Viel Erfolg und weiterhin ne Menge Spaß

    AntwortenLöschen