Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele: Freude, Schönheit der Natur, Gesundheit, Reisen und Kultur. Darum, Mensch, sei zeitig weise! Höchste Zeit ist's: Reise, reise! - Wilhelm Busch

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Lhasa... die Hoehe laesst gruessen

Wir kommen spaetabends irgendwann nach halb elf in unserem Hotel an, bzw. muessen unser Auto an der Hauptstraße verlassen, wo im Regen schon 2 Hotelangestellt stehen, mit Schirmchen fuer uns und uns unser Gepaeck abnehmen. Denn wir eilen weiter durch kleine Gassen, schnappen schon nach Luft und sind dankbar, nicht selbst alles schleppen zu muessen. Ich erst recht, als ich meine Zimmernummer sehe. Im vierten Stock. Ohne Aufzug. Da gibt mir auch der tibetische Buttertee, denn ich eher Teebruehe nennen wuerde, keine Kraft. Denn meine Lunge versagt klaeglich. Und zwar nach dem ersten Stock. Ich japse. Ich tapse weiter. Die Luft ist nicht nur duenn, sondern auch kalt. Wie fuehlt es sich an? Ich habe einen guten vergleich gefunden: So, als wuerde man im knackigsten Winter von der Ubahn-Station (in Deutz) die Treppen hinaufrennen muessen, ganz hoch zu den Fernbahngleisen, wo der erhoffte Zug grad schon die Tueren schliesst und man im Endspurt noch reinspringt. Die Lungen brennen, das Herz klopft bis zum Hals. So ist Treppen steigen in Lhasa in den ersten Tagen... ich merke dazu noch den heraufziehenden Husten, den mir die Klimaanlage der Tibetbahn verpasst hat. Ich falle keuchend aufs Bett. Gluecklicherweise bleiben mir Atemnotattacken immer erspart. In der Hoehe wachen viele nachts auf und ringen um Luft. Ich ringe in wilden Traeumen immer noch mit chinesischen Zugbegleiterinnen.

Am naechsten Tag fuehle ich mich unendlich traege, was nicht unbedingt unangenehm ist, und auch nicht unerwartet. Nur dass das Duschen und Haare waschen dann so ewig dauert, haette ich nicht gedacht. Ebensowenig, dass ich wenig Lust verspuere zu reden. das Denken dafuer ist etwas langsamer als sonst, also lass ich es. Zumal reden Luft kostet. Die brauchen wir, denn wir gehen schnurstraks zum Potala Palast, um Tickets fuer den naechsten tag zu kaufen. Sich am ersten den maechtigen Huegel hochzuquaelen, waere Selbstmord. Den sehe ich schon im Erklimmen des Aussichtsshuegels gegenueber dieser maechtigen Anlage. Der ehemaligen Residenz des Dalai Lama gegenueber steht ein chinesisches Friedensdenkmal. Da wird mir schlecht. Schlecht wird mir auch, wenn ich die Soldaten sehe. An jeder Ecke. Auf Haeuserdaechern. Schwerbewaffnet marschieren sie zwischen den Tibetern hindurch. Junge Kerle. Ueberall Kameras.




das Hakenkreuz symbolisiert im Buddhismus die Unendlichkeit...


Glaeubige werfen sich vorm Jokhang-Tempel nieder

Soldaten auf dem Barkhor...fotografieren streng untersagt...sie laufen aber ueberall!






Wie laecherlich China sich macht. Dieses grosse Land scheint Angst zu haben vor diesen tiefreligioesen, ruhigen Menschen, die Mantras murmeln, Gebetsmuehlen in der Hand drehen, waehrend sie den Barkhor, eine Strasse rund um den heiligsten Tempel, den Jokhang, entlanglaufen, immer im Uhrzeigersinn. Ich sehe Menschen mit tiefbraunen Gesichtern, zerfurcht von Sonne und Wind, die Kleider tragen, die an Suedamerika erinnern in ihren Mustern, ich sehe stolze Maenner mit langen schwarzen Haaren, viele mit roten Baendern in den Zoepfen, die um den Kopf geschlungen werden, vom Volk der Kampa sind sie, ein stolzes, etwas kriegerisches Volk aus Kam, einer der drei Hauptregionen Tibets, zu denen noch Lhasa und Amdo zaehlen. Ich rieche viele Kraeuter, die verbrannt werden, mir manchmal etwas die Luft nehmen, ich rieche Yak, sei es das Fell, die Butter, die in den Tempeln als Kerzenwachs dient, das Fleisch, was offen in Laeden liegt oder haengt. Im Jokhang ist es warm durch die Butterlampen, Glaeubige werfen sich auf den Boden, holen sich den Segen der Moenche, aber auch diese werden kontrolliert, die chinesische Regierung passt genau auf, wer Moench sein darf... das sehen wir auch im Sera-Kloster ausserhalb Lhasas. Hier debattieren Moenche oeffentlich, fragen sich gegenseitig ab, einer sitzt, der andere steht, schlaegt fuer jede Frage erst einmal mit ausgestreckten Armen die Haende aufeinander, es wirkt bedrohlich, wenn er sich dann zu seinem Diskussionspartner runterbeugt und mit lauter Stimme eine Antwort fordert. Ja, dies ist noch die klassische Art des Debattierens im Kloster, doch wo frueher einmal mehr als 300 Moenche wohnten, sind es nun nur noch knapp 100, wenn ueberhaupt. Und sie werden begafft wie im Zoo. Das allein duerfte die Moenche noch nicht sehr stoeren, sehr vertieft scheinen die meisten. Was stoert, sind Touristen, die die Grenzen nicht kennen, den Maennern die Kamera ins Gesicht halten oder sich gar neben sie flaezen. Ich war an diesem Tag schon etwas besser akklimatisiert und so sauer, dass ich meckern konnte, laute chinesische Touristengruppen vor mir verscheucht habe und einmal auf einen fetten Englaender, der so nah wie kaum ein anderer sich an die Moenche stellte, einen kleinen Stein warf. Nein, ich weiss, das ist auch nicht der feine Weg. Aber er hat es verstanden.


"Oh Buddha, die Touristen kommen..."



Fuer den Potala haben wir 55 Minuten. In dieser Zeit schafft man keine 999 Zimmer, sondern nur die geoeffneten vielleicht 17 oder 18. Grosse Buddhastatuen, unzaehlige Wandgemaelde, immer die Waerme der Butterkerzen, zahllose Geldspenden, kleine und grosse Scheine, die unter den Statuen liegen, in Ritzen an den Waenden klemmen. Doch nirgends ein Bild des eigentlichen Hausherren. Dafuer wieder Kameras. Die auch Ton aufzeichnen. Also Vorsicht, was man sagt. Der Geist des Dalai Lama ist zwar irgendwie greifbar. Doch irgendwie wirkt alles steril, ein Museum, das doch nicht die Wahrheit erzaehlen darf... ebenso der Sommerpalast des Dalai Lama, wunderschoen, viele Blumen in der Parkanlage, herrlich restaurierte Gebaeude - aber fuer wen? Mich macht es etwas traurig, wuetend, hilflos. So sinke ich in den flauschigen Sessel eines westlichen Cafes, zwinkere mit den etwas durch die trockene, staubige Hoehenluft verquollenen Augen, huste vor mich hin und brauche eine Weile, bis ich mich wieder aufraffe. Zwei Gaeste haben meine Aufmerksamkeit erregt. Einer von ihnen ist blind. Vor Jahren hat eine Bonnerin, Sabriye Tenberken, selbst blind, eine Blindenschule in Lhasa aufgebaut und leitet nun die Organisation Braille ohne Grenzen. Und wirklich, der Blinde war auf ihrer Schule. Darchung spricht passabel Englisch und ich freue mich, einen ehemaligen Schueler, der auch in ihrem Buch erwaehnt wird, wenn ich mich recht erinnere, kennenzulernen...

Nach 3 vollen Tagen in Tibets Hauptstadt machten wir uns auf zum Namtso, einem der sieben heiligen Seen in Tibet. Unser Fahrer war ein gut gelaunter Mann, tapsig wie ein Teddy und immer ein Laecheln auf den Lippen. Tashi, unser Guide, blieb still, schien sich nicht immer wohlzufuehlen. Meine 2 Begleiter setzten ihm aber auch oft genug zu, geiferten, wo er vielleicht Kommission einstreichen koennte etc...ich werde dem wohl noch ein extra-Kapitel widmen, denn genau dieses Verhalten der zwei hat mir manchmal derart gestunken, dass ich am liebsten alles hingeschmissen haette....doch das hat Tashi dann fuer mich uebernommen, mitten in Zentraltibet...aber dazu spaeter...

Uns pfiff auf dem Weg zum Namtso der Wind um die Ohren auf dem 5100m-Pass, und letztlich wurden die Wolken dunkler und Schnee fiel. Nach 4 Stunden Fahrt kamen wir an einem aufgwuehlten, tuerkisen See an, ueber dem sich grad ein kurzes Gewitter entlud, waehrend die Yaks seelenruhig da standen und auf Touristen warteten, die sich fuer ein paar Yuan drauf hieven liessen und fuers Fotoalbum posierten. Ich posierte derweil im warmen Teezelt mit Nomaden fuer deren Fotoalbum, Yaks haben sie selbst ja genug...







Nach diesem Ausflug auf rund 4700m fuehlten wir uns fit fuer den naechsten Tag...zeitig sollte es von Lhasa gen Westen gehen...mit Zwischenstopps in Gyantse und Shigatse hin zum Everest...der ersten Nacht auf 5200m...und weiter zum Kailash, wo eine Passueberquerung von 5670m wartete, zu Fuss zu meistern...

Kommentare:

  1. DU verspürst keine Lust zu reden? Das klingt ernst! Ich mach' mir Sorgen! :-)

    AntwortenLöschen
  2. Naja, wen du mittlerweile stinkst wie ein Yak, hält es wenigstens das Ungeziefer fern. :-))
    Nikolaus

    AntwortenLöschen
  3. das war auch mein erster Gedanke: keine Lust zu reden? Oh weia - das müssen Extrembedingungen sein!!! ;-)

    AntwortenLöschen