Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele: Freude, Schönheit der Natur, Gesundheit, Reisen und Kultur. Darum, Mensch, sei zeitig weise! Höchste Zeit ist's: Reise, reise! - Wilhelm Busch

Samstag, 9. Oktober 2010

Der Hoechste

Er steht da wie ein Maedchen. Zeigt verschaemt die Schulter, dreht den Kopf etwas weg, huellt ein paar Wolken um sein Antlitz. Sein unmittelbarer Nachbar hingegen draengelt. Er will gesehen werden, will den Dicken neben ihm wegschieben. Die anderen drumherum sind einfach da, protzig der eine, leicht verhuellt der andere, einer ist noch gar nicht zu sehen. Und doch, die Blicke bleiben alle am sich Zierenden haengen. Denn das ist er. Der Everest. Von der Passhoehe, deren Namen ich nicht mehr genau weiss. Mittags. Der Makalu (8463m) im Osten. Dann der Lhotse (8383m), der sich vor den hoechsten der Erde schieben will. Der Everest (8850m), besser, seine Schulter. Und weiter westlich der maechtige Cho Oyu (8201m), dessen glitzerndes Eis man fast bis zum Pass sehen kann. Verlaesst man den Pass etwas Richtung Tal, erscheint der Fuenfte im Bunde: Shisha Pangma (8013m). Bei diesem Anblick ist alles vergessen - die Querelen um Tashi, der laestige Husten, sogar der Atem geht erstaunlich ruhig. Die groessten Berge der Erde stehen da am Horizont. Die maechtige Natur laesst alles andere so klein werden...


Mount Everest und ich, der Lothse in Wolken links neben dem Everest

der Cho Oyu in seiner ganzen Pracht


Ein paar Stunden spaeter sieht es anders aus. Aus dem verschaemten Maedchen, das dem Betrachter die Schulter zudreht, ist ein wahrer Kerl geworden. Maechtig steht er da, die ganze Nordflanke entbloesst, einen eisigen, kraeftigen Wind schickt er dem Besucher entgegen, eine leichte Schneefahne weht vom Gipfel. Das ist der Everest, wie man ihn kennt. Ich habe Gaensehaut und feuchte Augen. Das ist er tatsaechlich. Am liebsten wuerde ich losrennen Richtung Basislager, weiterlaufen, ihn irgendwie umarmen. Aber ich wuerde nach ein paar Schritten schon keine Luft mehr bekommen... So gehe ich langsam vom grossen Teezelt, in dem wir unser Lager aufgeschlagen haben, zum Base Camp. Begegne einer Art Gemse, keinem Yeti. Irgendwann komme ich an, das Camp ist bis auf ein paar Bergsteigerzelte verlassen, es ist keine Saison mehr, im Mai ist es hingegen voll. Ein paar Chinesen krabbeln mit mir am Huegel herum, doch sie sind voellig Luft fuer mich. Meine Blicke haengen an Chomolangma, diesem maechtigen Berg. An meinen Gebetsfahnen, die ich aufhaenge. Ich laechle. Ein Traum ist in Erfuellung gegangen...



Norbu :-)




Im (noch) warmen Zelt zurueck dann wieder die harte Realitaet. Meine Begleiterin vermisst ihre Isomatte. Und verdaechtigt gleich Tashi. Der steht wie ein begossener Pudel da, schaut hilftlos zu mir. Ich begreif es nicht. Gehe hinaus und baue ein Steinmaennchen. Ich will das Gezeter nicht hoeren. Am Abend geht es meinem Begleiter ploetzlich schlecht, die Hoehe. Wenigstens motzt er dann weniger, dass er jetzt paar Tage kein Internet hat. Ich habe andere Sorgen. Als ich nachts aufwache, klebt meine Zunge am Gaumen, die Lippen aufeinander, dass es schmerzhaft ist, alles wieder zu loesen. So trocken ist die Luft. Und eisig. Auf meinem Schlafsack ist etwas Raureif. Ich schaele mich raus, ich muss mal. Tapse hinaus in die Kaelte. Und bevor ich mich hinhocken kann, muss ich einfach stehen bleiben. Da stehe ich nun, in langen Unterhosen, hastig uebergeworfener Daunenweste und starre - auf die abertausend Sterne ueber mir. Die Milchstrasse. Und auf das Glitzern vor mir. Den Everest. da riskiert man gern einen abgefrorenen Hintern beim naechtlichen Toilettengang... Am Morgen sehe ich ihn das letzte Mal. Und kann verstehen, was Bergsteiger zu ihm treibt. Ich verspreche, wiederzukommen.

Kommentare:

  1. Hi Syliva,

    habe heute (16.nov) zum ersten Mal in deinem Blog gelesen - und bin beeindruckt von den tollen Bildern und Geschichten.


    Jürgen (Matthes)

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  2. und noch was

    Toll, wie du den Höchsten so schön beschrieben hast - seinen Wandel vom scheuen Mädchen zum wahren Kerl. Hoffe, du behälst in deiner Erinnerung die beeindruckenden Bilder und Gefühle ohne Trübung durch die Nerverei mit deinen Begleitern!

    Jürgen

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