Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele: Freude, Schönheit der Natur, Gesundheit, Reisen und Kultur. Darum, Mensch, sei zeitig weise! Höchste Zeit ist's: Reise, reise! - Wilhelm Busch

Dienstag, 8. Mai 2012

Fernweh!!!


"Fernweh, wenn Wolken an mir vorüberziehen, 
Wenn ich einen Stern seh,
der Tag erlischt...
...Fernweh, mit einem Hauch Melancholie,
bevor ich hier leer steh...versehn ich mich...

... Fernweh, nach Wiesen, Eis, Strand, Wasserfällen,
Mir tut's im Kern weh, 
Will ganz weit weg, nur weg
Fernweh, nach Monsun, Regenzeit, Stromschnellen..."

 

Herbert Grönemeyer hatte mich ein paar Wochen nach meiner Rückkehr, schon im neuen Jahr 2011, ziemlich erwischt mit diesem Lied. Sprach es mir doch selbst nach drei Monaten Asien aus der Seele, zeigte das Video doch Kathmandu, was ich doch noch wirklich lieben gelernt hatte, zeigte es doch Bangkok, was ich schon lange liebte. Und jetzt, fast zwei Jahre nach der großen Reise, hat es mich wieder im Griff, das Fernweh, voll und ganz, ich zähle die Tage, bis ich im Flieger sitze. Und ich habe so großes Glück, denn es geht nicht nur, wie schon lange geplant, Ende Juni nach Pakistan, ins Karakorum zu den Füßen des K2... das Fernweh wird schon früher gelindert...

Ich kann schon die Luftfeuchte Bangkoks erahnen, die Düfte der Garküchen erschnuppern, die scharfen Gewürze erahnen, die wunderschönen Menschen sehen, die fremd und doch immer noch vertraut klingende Sprache hören. Dabei wird es ein so kurzer Ausflug in die Stadt der Engel, in die ich mich an Himmelfahrt aufmache, wie passend das Datum auch ist... nur zwei Tage, sozusagen im Schlepptau eines Freundes, den ich beim letzten Mal so gern dabei gehabt hätte, weil er mich erst drauf gebracht hat, nachts im Vertigo über die Dächer Bangkoks zu schauen, die seltenen Momente eines lauen Windes in dieser Skybar zu genießen. 

Ob wir diesmal, wie ich damals im Blog geschrieben habe, da oben zusammen stehen, mag sein oder auch nicht, gibt es doch selbst beim 4. Besuch noch vieles, was ich noch sehen will oder besser - vieles, wohin es mich verschlagen kann, so dass wohl auch beim 40. Besuch noch etwas übrig bleiben wird. Ein großes Ziel liegt gar nicht in der Stadt selbst - die schwimmenden Märkte bei Damnoen Saduak, gut 100 Kilometer außerhalb... ein anderes liegt gleich um die Ecke, um jede Ecke - eine wohltuende Fußmassage :-) Und dann... ja vielleicht doch zum Tagesausklang hinauf, wo der Wind kühler ist...

Sonntag, 11. September 2011

Nachdenklich

Es ist auf den Tag genau ein Jahr her, dass ich mich auf meine bisher größte Reise begeben habe. Ich gucke so auf die Uhr und weiß, dass ich grade vor einem Jahr im Flugzeug saß, wir grade noch so hoch über Deutschland schwebten. Es war ein schöner Moment, als ich auf dem Monitor vor mir sah, dass ich über Dresden hinweg flog. Erst das Rheinland, mein Zuhause, dann Dresden, meine Heimat. Gerade in diesem Moment, in dem ich mich am Anfang einer Reise in weite Ferne befand, habe ich mich sehr verbunden gefühlt mit der Spielzeuglandschaft unter mir. Und auch wenn der Abschied in Asien schwer war. Spätestens der glitzernde Schnee an der Elbe, die lachenden Gesichter meiner Freunde, die Glocken des Doms haben mich innerlich wieder nachhause geführt. Mein Fernweh ist nichtsdestotrotz auch heute ungebrochen. Den K2 sehen. Auf dem majestätischen Concordiaplatz stehen und zum zweitgrößten Berg der Welt aufschauen, umringt von 3 weiteren Achttausendern und Sieben- und Sechstausendern. Das soll das große Ziel im kommenden Jahr werden. Bis dahin entdecke ich gerade auch die nähere Umgebung. Die Alpen sehe ich in diesem Jahr oft. Die Sächsische Schweiz. Die Eifel, das Siebengebirge. Die Elbhänge mit ihren grandiosen Aussichten auf das Tal. Fernweh und Heimatgefühl schließen sich nicht aus.

Montag, 29. August 2011

9. Tag Martin-Busch-Hütte - Pension Leithof, Vernagt

Es ist ein seltsames Gefühl. Der letzte Tag... Morgens gegen halb sechs wird neben uns im Matratzenlager schon gewühlt, es werden Sachen gepackt, Decken zusammengerollt. Kevin und Niki stehen zum Abmarsch bereit, auch für sie ist es heute der letzte Wandertag, wir verabschieden uns gar nicht mehr wirklich, weil sie so früh aufbrechen, da sie zeitig in Meran einen Zug erwischen müssen. Auch wir sitzen halb sieben am Frühstückstisch, bevor wir dann hinauf stapfen zum letzten Pass, links neben uns der Eisdom des Similaun, an dessen Flanken man die Seilschaften erkennen kann, die auf seinen Gipfel wollen oder sogar schon wieder hinabsteigen. Im Winter bietet der Berg angeblich Abfahrten für Skitourengänger, bis zur Hütte hinunter... Heute ist es windig, Wolken jagen über den Kamm, es zieht sich zu. Diesmal sind die Gewitter schon für früher angekündigt und wir haben fast schon Sorge, dass sie uns noch erwischen.

Vorm Similaun (3.606m)


Wir überholen wieder die Bergschulen und verzichten auf einen Besuch der Ötzi-Fundstelle. Teils wegen des Wetters. Teils auch schon etwas aus Faulheit, aus Vorfreude, dass wir es endlich geschafft haben. Da naht nämlich vor uns schon Italien. Kurz vorm Passübergang an der Similaunhütte muss die Grenze sein. Vor ein paar Jahren ist man dafür noch über ein kleines Stück Gletscher gelaufen, jetzt ist es nur noch Geröll und hin und wieder ein Fetzen alter, fast schon brauner Schnee. Und dann ist er da, dieser Moment der Euphorie, oben an der Similaunhütte. Italien! Das Ziel! Neun Tage! Zu Fuß, mit nur kleinen Ausnahmen! Wir genießen kurz den Moment, schauen hinunter den kleinen Pfad entlang, den Hang hinab, hinüber zur Ortlergruppe, diesmal ist aber die Fernsicht nicht überragend, zu viele Wolken. Das Strahlen in meinem Gesicht wird komplett, als ich an der Materialseilbahn stehe und dann das Ziel wirklich vor Augen habe. Tief unten im Tal leuchtet smaragdgrün der Vernagt-Stausee. Kleine Wolkenfetzen steigen von ihm auf. Bald sind wir da...

(Fast) geschafft!!!
Vor uns tippelt die Seniorengruppe der Bergschule vorsichtig den Hang hinab. Auch wir haben keine Eile, überholen erst, als sie Pause machen. Wir rasten an einem Absatz im Hang, wo viele Steinmännchen stehen und der Blick frei ist auf den See, es nach Heu duftet, die Glöckchen der Ziegen zu hören sind, die Bienen summen, ab und an ein kühles Lüftchen aus weißen Wolken und Schatten die mittägliche Wärme unterbrechen - was für eine Idylle. Vergessen die Gedanken an aufziehendes Gewitter. Vergessen die Plagen an den Füßen. Die kleinen Reibereien. Es ist einfach nur friedlich. Schön.




Wir lassen den Tisenhof links liegen, die erste Station in Vernagt. Hier sitzen schon ein paar Buswanderer und freuen sich über ihr Zertifikat, die Alpen erfahren, quatsch, natürlich erwandert zu haben. Wir suchen ein Quartier im Ort und werden schnell fündig in der Pension Leithof. Alles erinnert in Eiche rustikal an Einrichtungen aus den 70er Jahren, der Lüfter im Bad hat's auch schon hinter sich und spuckt vor sich hin, aber das ist alles so zu vernachlässigen gegenüber der Freude auf mal wieder ein eigenes Bett und eine schöne, lange Dusche. Frisch gemacht und ausgeruht haben wir tatsächlich noch Hummeln im Hintern und wollen um den See laufen, nachdem wir schon nicht im eiskalten Wasser planschen.

Blick auf Vernagt


Ohne Rucksack ist alles so unglaublich leicht. Hunger und Durst haben wir dennoch, weil die Umrundung mit 2,5 Stunden doch länger gedauert hat, als gedacht. Also doch hinauf zum Tisenhof hoch über Vernagt, wo wir eine selten teure Brotzeit machen, dafür aber ein letztes Mal Mitwanderer treffen. Erst jetzt stellt sich heraus, dass auch sie aus Dresden kommen. Man, die Welt ist ein Dorf. Doch die beiden haben uns etwas voraus: Steinböcke. Gleich auf mehreren Fotos. Hm. Wird ohnehin nicht unsere letzte Alpentour gewesen sein. Das nächste Mal muss es aber schon ein Gipfel sein. Oder zwei. Nicht nochmal so ein lockerer Spaziergang ;-)

Auch nach 17.500 Höhenmetern in den Beinen haben wir uns noch lieb :-)

Freitag, 26. August 2011

8. Tag Braunschweiger Hütte - Martin-Busch-Hütte

"Gebirge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler."
- Johann Wolfgang von Goethe -


Der vorletzte Tag. Und wir haben wieder wunderschönes Wetter. Zum Glück ist es noch recht kühl, als wir losstapfen, hoch zum Rettenbachjöchl. Der schönere Weg führt über das Pitztaler Jöchl, ist aber wegen Steinschlags gesperrt. Und so zieht sich die Wandererkarawane am grünen See vorbei, ich schnaufe schon etwas über den Schutt hinauf zu den engen Serpentinen, Blick auf den Gletscher, an dessen Kanten zerissene Plastikplanen herunterhängen - ein hilflos wirkender Versuch, der Schmelze entgegenzutreten. Auf der einen Seite diese Bemühungen, Natur zu erhalten. Und bereits beim Aufstieg sieht man aber überall, wie oft der Natur Raum streitig gemacht wird. Skilifte. Seilbahnen. Hässliche Asphaltstraßen, die sich durch Fels und Eis fressen. Im Winter muss es rund um Sölden traumhaft aussehen. Jetzt einfach nur hässlich verbaut... Zu einer Abfahrt komme ich aber auch noch, selbst im Sommer. Ich habe das Rumgeeier auf dem Altschnee satt und werfe meine Stöcke vor einem kleinen Hang runter zu Jörg und Haimon. Und ab geht's auf dem Popo, ein Heidenspaß, nur viel zu kurz!


Juchuuuu! ...und nochmal Dank an Weggefährte Jörg für's Foto!
Unten, nahe am Rosi-Mittermaier-Tunnel, durch den wir mit dem Bus fahren müssen, sagen wir Adieu zu Jörg. Er wird den klassischen E5 weiterlaufen bis Bozen. Wir wollen ja nur die E5-Variante bis in ein Dörflein nahe Meran erwandern. Und warten und warten und warten auf den Bus, es wird schon wieder heiß, dabei ist es erst kurz nach 9 Uhr. Die Bergschulen werden in Minivans durch den Tunnel gekarrt und haben einen Vorsprung. Nicht lange ;-) Wir quetschen uns nach fast einer Stunde Warterei noch in einen Bus. Dank der Überfüllung kommen wir gar nicht dazu, ein Ticket zu lösen. Das nächste Kaltgetränk wäre damit finanziert. Schnell lassen wir den Rettenbachferner und den Tiefenbachferner hinter uns und eilen über einen mal wieder wunderschönen Panoramaweg. Und staunen das erste Mal über völlig falsche Zeitangaben auf den Wegweisern. Statt den 2 Stunden brauchen wir nichtmal eine, um bis zum Weißkarsee zu kommen. Ganz in der Nähe steht übrigens ein Fels, in den Goethes schlauer Spruch vom Anfang dieses Eintrags gemeißelt ist. Und es stimmt. Meistens jedenfalls. Am See oder dem Sumpfland, was man dort sieht, überholen wir die erste Bergschule. Bald folgt schon die nächste mit Lhakpa, einem nepalesischem Führer. Es dauert nicht lange, und wir sehen Vent im Tal, ein kleines Dorf, was wie viele hauptsächlich aus Pensionen besteht. Im Eifer rutsche ich aus und falle im Zeitlupentempo auf mein Knie. Die Eisschokolade im Tal macht das dann aber mehr als wett.



Die Martin-Busch-Hütte ist nicht unbedingt der Liebling der E5-Wanderer. Es fängt beim Weg hinauf an. Er ist einfach demoralisierend. Egal, dass die Haflingerpferde am Rande niedlich sind, die Schafe naiv-doof gucken und wir vom "Muuuuuh!" auf's "Määääh!" umgestiegen sind. Egal auch, dass der Weg ein Fahrweg ist, also breit, einfach zu gehen, ohne derbe Steigungen. Er ist einfach nur ewig lang. Schlängelt sich am Hang entlang, ist weit einsehbar, trotz der kleinen Kurven. Und hinter jeder größeren Kurve meint man, müsse sich doch die Hütte verbergen. Und wird bitter enttäuscht. Es zieht sich diesmal wirklich. Ein paar halbnackte Senioren kommen im Sauseschritt an uns vorbeigehechelt, aha, die Bergschule. Ohne Rucksack. Nichtmal den Turnbeutel haben sie dabei. Mich plagt Durst und Gegenwind. Eine kurze Schrecksekunde, als ein Radfahrer auftaucht ohne Rad - das liegt ziemlich weit unten am Hang. So schnell saust man also aus der Kurve. Ein Leipziger kommt uns entgegen, nur noch ne Viertelstunde, meint er und erzählt uns seine Krankengeschichte. Vielleicht war's die letzte Tour für ihn...


Er sollte Recht behalten, nach knapp 13 Minuten stehen wir in der Hütte. Punkt zwei der Unbeliebtheit: Sie ist voll. Vom Süden kommen die Italiener. Bergsteiger nächtigen hier, weil sie auf den Similaun wollen. Wanderer und Busfahrer wollen Quartier. Und die Hüttenwirtin will offenbar erstmal nicht das Matratzenlager freigeben, sondern lässt uns warten, abweisen darf sie niemanden so weit oben. Wir würden zur Not auf dem Boden schlafen. Mit genug Bier geht das doch, sagt Haimon. Dann sieht er die Preise. Und überlegt es sich anders bei 4 Euro fürs Bier. Letztlich bekommen wir einen Lagerplatz, neben uns Bekannte - Niki und Kevin, die wir erstmals in der Kaunergrathütte kennengelernt hatten. Dann duschen wir und sorgen fast für einen Skandal bei den hinter uns Wartenden - weil wir zu zweit aus der Dusche kommen. Einfach, weil wir das eng bemessene warme Wasser für teuer Geld am besten ausnutzen wollten. Eine Dusche für 130 Leute übrigens. Frohes Warten! Aber gut, Luxus gibt's eh bald wieder. Eingemummelt stehen wir auf der Veranda und gucken auf die Gletscher und kargen Weiden mit ihren Ziegen und Schafen. Das Publikum drinnen ist uns diesmal zu laut. Draußen ist es aber der schneidende Wind, der uns 20:30 Uhr ins Lager treibt. Die letzte Nacht, die wir mit vielen anderen unterm Spitzboden teilen. Wundersamerweise ist es eine der ruhigsten.


7. Tag Kaunergrathütte - Braunschweiger Hütte


Es ist ohrenbetäubend laut und schrill, wenn auch nur kurz - ich erschrecke dennoch unglaublich. Und da sitzt es, aufrecht, und guckt, keine drei Meter entfernt. Ein wuschliges Murmeltier, das mit seinem Pfeifen seine Artgenossen vor uns gewarnt hat. Der posierliche Nager bleibt brav für's Foto sitzen, was ich leider trotzdem etwas verwackle, weil der Schreck noch nicht ganz verdaut ist. Von etwas weiter weg ertönt noch ein Pfeifen. Der Abstieg runter von der Kaunergrathütte wird begleitet von den Murmeln. Steinböcke bleiben uns auch diesmal wieder verwehrt, nur riesige Hörner als letzte Überreste standen an der Hütte, die Alpensäuberer hatten sie gefunden.



Nach dem Murmeltierschreck geht es weiter auf dem Cottbuser Höhenweg, meine Sandalen tragen mich sicher über die zahlreichen Steinlawinen, die sich über den Weg gelegt hatten. Doch dann geht es nicht mehr. Vor mir geht es bergab und zwar ordentlich. Eine Stahlkette zum Anfassen, Stahlbügel zum Drauftreten. Diesmal zwar nicht locker und verbogen, dafür aber oft nass und mal wieder weit auseinander gesetzt. Ich muss Haimon zurückpfeifen, der den ersten Absatz schon hinabgestiegen (gehirschelt ;-) ist. Denn er hat meine Bergschuhe an seinem Rucksack baumeln. Und die brauch ich jetzt. Während des ersten Absatzes lache ich auch noch. Nicht ganz ohne, aber prima machbar. Ein Pärchen mit 16kg-aufwärts Rucksäcken wartet hinter uns und ist nicht grad erfreut, mit den schweren Dingern abzusteigen. Jedes Gramm zieht nach unten, gerade beim Rückwärtsgehen. Der zweite Abschnitt nach unten ist länger und steiler. Und vor allem nasser. Ich trete nach unten, greife mit der Hand nach - just an den Teil der Kette, über den ein kleines Rinnsal läuft. Meine Hand rutscht an der Kette ab, die andere packt zwar schnell auch noch zu, doch der eine Fuß rutscht ebenso aus seinem kleinen Tritt, weil so viel plötzliche Belastung nicht geplant war. Ich stoße einen Schrei aus, als ich mit dem Gesicht an den Fels klatsche und nach unten rutsche, bis die Hand nach vielleicht einem halben Meter - wenn überhaupt - gestoppt wird durch einen Zwischenhaken an der Kette. Drei, vier Meter unter mir steht Haimon, eben noch plaudernd mit 2 Wanderinnen, die dort hinauf wollen, wo ich grad unelegant runterkomme. Nichts passiert, jetzt nur keine wackligen Knie. Denn auch wir müssen direkt wieder hoch, diesmal an der sonnenbeschienenen, trockenen Seite, der Fels ist griffig unter Füßen und Händen, ein Stahlseil statt einer Stahlkette ebenso. Fast ein Spaziergang :-)


Kurz danach passiert's...
Am Riffelsee angekommen müssen die Bergschuhe wieder ab. Die Pflaser haben sich auch schon wieder verabschiedet, aber in Sandalen geht es sogar schon ohne. Es ist heiß, der Weg breit. Eine Seilbahn bringt jede Menge Touristen hinauf, sommers wie winters. Wir sind bereits in den Ötztaler Alpen. Große Gletscher, hohe Berge. Auch im Sommer glitzert der Schnee auf ihren Gipfeln. Wir wandern aber erstmal talwärts der Hitze entgegen, nach Mittelberg. Ein Bus nach dem anderen spuckt dort die E5-Wanderer aus, die sich durch's Pitztal kutschieren lassen. Die Busse der Bergschulen fahren ihre Schützlinge sogar über den breiten Schotterweg bis zur Gletscherstube, eine Kneipe und Pension direkt an der Materialseilbahn der Braunschweiger Hütte. Die thront hoch oben auf 2.759 Metern, eingerahmt von immer noch riesigen Gletschern.


Vor diesem Aufstieg stärken wir uns erstmal. Immerhin haben wir schon sechs Stunden in den Beinen und noch nichts weiter im Magen. Wir setzen uns an einen Tisch und versetzen damit die Wirtin in leichte Panik. Jetzt käme ja gleich die Gruppe, ob wir uns nicht an einen kleineren Tisch setzen wollen. Nee. Die sind entweder eh schon besetzt oder in der prallen Sonne. Sollen sich die "Wanderer" ausm Bus doch an unseren Tisch mit dran setzen, haben wir nichts dagegen. Vielleicht haben sie ja ein paar Tourentipps oder so... Die Wanderer plumpsen also aus ihrem Bus, geben ihre Rucksäcke in die Materialseilbahn, bekommen ihre roten Turnbeutelchen mit der Tagesverpflegung wieder und strömen erstmal in den Biergarten. Tipps bekommen wir keine, weil es doch noch genug andere Tische gibt. Dafür höre ich aber einen Spruch, den ich so schnell nicht mehr vergesse. Eine der Buswandererinnen steht an der Toilette hinter mir und sagt leicht erschöpft zu ihrer Freundin, beide offensichtlich höchstens so alt wie ich: "Boah, das letzte Stück eben hat sich aber ganz schön gezogen!" :-)

Für den Weg hinauf zur Hütte gibt es zwei Varianten: Eine führt lange Zeit den Schotterweg entlang, an einem spektakulären Wasserfall aus dem Gletscher vorbei. Leider fahren da aber auch die Lkws lang, weil irgendetwas auf und am Gletscher gebaut wird. Der zweite Weg ist ein schmaler Pfad, ab und an recht steil, aber mit wunderschönen, weiten Aussichten ins Tal und in die herannahende Gletscherwelt. Den wählen wir. Wie oft ich auf diesem Steig dann von Entgegenkommenden oder Wanderern, die wir überholen, das Wort "Sandalen" höre, weiß ich nicht. Langsam nervt's auch. Unten im Tal setzen sich die Busameisen in Bewegung, sie gehen den Weg. Irgendwann darf dort bestimmt auch noch der Bus fahren. Schwitzend und gut durchatmend kommen wir an der Kreuzung des Jägersteigs mit dem bequemeren Weg an. Doch es geht nicht bequem weiter. Großes Blockwerk, leichtes Geröll, ein Gekrabbel beginnt, meine Füße schwitzen, mein Bauch protestiert gegen den gegessenen Joghurt, dass ich befürchte, die Hütte schon nicht mehr rechtzeitig zu erreichen. Die ist zwar schon ab und an zu sehen, doch scheint nicht näher zu kommen. Meine Schwitzfüße rutschen in den Sandalen nach hinten, mir ist jeder zweite Schritt zu viel, die Sonne ist auch nicht gnädig, Gottogott und soll die Hütte nicht übervoll sein, bloß nicht, denke ich mir, hieve mich weiter, Haimon läuft hinter mir, weil er mir angeblich nicht davonrennen will, so viel Selbstbewusstsein muss ich auch erstmal verkraften :-)



Endlich, endlich, stehen wir auf der Hüttenterrasse, der zweitlängste Tag nach zurückgelegten Höhenmetern: 2.660. In der Hütte großes Wiedersehen nach einer Nacht Unterbrechung: Jörg ist da und das nette Pärchen Niki und Kevin auch. Ihnen und uns zuliebe verschwinden wir aber erstmal in der Dusche. Und beziehen unser Lager, denn es war tatsächlich noch etwas frei. Und wer jemals auf die Braunschweiger Hütte kommt, sollte wirklich die Kasknödelsuppe probieren. Wurde mir empfohlen. Ein Traum! Der Kaiserschmarrn übrigens auch! Nach großer Kniffel-Runde ging's wie immer früh in die Heia. Der 20-Jährige neben mir hat alle in Grund und Boden geschnarcht. Nunja. Wenigstens die Pupser hielten sich aber diesmal fern.

Donnerstag, 25. August 2011

6. Tag Verpeilhütte - Kaunergrathütte

Aperes Madatschjoch. So langsam gefallen mir diese Namen, die ganzen Jöcher. Das nächste sollte das herausforderndste werden. An Gletschern vorbei auf 3.030 Meter Höhe. Der Morgen sieht erstmal gar nicht so schwierig aus. Sondern wunderschön. Die Sonne lacht am blauen Himmel, tief unten im Tal schlummern noch dicke Wolken, während wir (in Bergschuhen - es funktioniert schon wieder ganz gut für ein paar Stündchen) über Stock und Stein den Berg hinauftänzeln, "Muuuuuh!" rufen und noch gar nicht glauben können, dass irgendwas komplizierter werden könnte als die großen Steine, die bald im Weg liegen und das regelmäßige Hackgeräusch der Trekkingstöcke etwas unterbrechen. Es macht eher Spaß, die Abwechslung, auch mal kurz die Stöcke in eine Hand zu nehmen, um sich mit der anderen an großen Felsen abzustützen.


Madatschtürme im Blick

Am kleinen Gletschersee treffen wir die Ostfriesen wieder. Der Höhenängstliche sieht blass um die Nase aus, wird aber von allen außer mir weitergehänselt. Ich halte lieber die Klappe, denn der nächste Hang mit seinem kleinteiligen Geröll und der dennoch respektabeln Neigung sieht schon anders aus. Der Gletscher dagegen hat sich weit zurückgezogen, nur noch ab und an ist sein Eis unter unseren Füße zu erkennen, wie es durchschimmert durch den Schutt, der jeden Schritt beschwerlicher und unsicherer macht. Steinschlag ist zu hören, zum Glück auf der anderen Seite des Kessels. Könnte aber auch von uns kommen, denn die Brocken kullern uns unterm Fußboden weg. Überhaupt scheint ab und an der ganze Hang unter mir in Bewegung, nur schnell weiter, denke ich mir und traue auch diesen Hängeleitern aus Stahlseil und Baumstammtritten kaum, schnaufe nach jedem Absatz entlang der gesicherten Stellen, die aber so sicher nicht mehr aussehen, anfangs ist es schwer, den richtigen Weg zu finden, was ist alt, was ist neu, wo ist überhaupt eine Markierung, die ständigen Steinabgänge haben manches zugeschüttet und umgeworfen. Ab der Mitte des Hanges ist es einfacher zu erkennen, viel Auswahl bleibt nicht mehr. Ich ziehe mich teils an den Stahlseilen hinauf, denn der Untergrund gibt viel zu sehr nach und rutscht schon los, wenn der Fuß nur sanft aufsetzt, ein Hochdrücken würde nur noch mehr in Bewegung setzen - bloß nicht mich nach oben. Endlich, endlich kommen wir an. Oben sitzen schon die Ostfriesen, die sich schon mit Gedanken an den Abstieg plagen. Die schiebe ich erstmal weg. Zu schön ist es hier. Ich renne die paar Meter zum Schneefeld rüber und pfeffere Haimon einen Schneeball entgegen. Das Echo lässt nicht lang auf sich warten. Dann heißt es Ausblicke genießen, Knacker essen, Gebetsfahnen aufhängen. Durchatmen.


Oben!

Geteilte Freude ist die schönste Freude!

Remembering Tibet 2010
"Pass auf, der Bügel ist locker! Und der zweite ist verbogen!" Will ich das echt hören, wenn vor mir der Abgrund gähnt, das Stahlseil in meinen Händen zittert (oder meine Hände am Stahlseil?!), der Rucksack an der gegenüberliegenden Felswand schrabbt, weil der Einstieg in den "Kamin" recht eng ist? Nein! Hören wollen oder nicht, es ist nunmal so, einatmen, ausatmen, runter geht's. Die Eisenbügel wackeln tatsächlich, der zweite ist wirklich schief und krumm getreten und der dritte so weit weg, dass ich mich ganz klein und kurzbeinig fühle, als mein Fuß so in der Luft hängt und hilflos herumtastet nach einem Halt, bis ich schließlich noch weiter mich sinken lassen muss und dabei mich strecke, um noch festen Griff an den vorherigen Tritten zu haben. Mir kommt die Häntzschelstiege in der Sächsischen Schweiz wieder in den Sinn. Nur war die komfortabler, der Fels weniger brüchig - den brauchte man da ja auch noch nicht mal anfassen und treten, hier lässt es sich zwischendrin nicht vermeiden. Tatsächlich fühle ich mich sogar sicherer, wenn ich warmen Stein fasse statt kaltes Metall. Unten steht Haimon, grinst und wackelt auch bisschen mit den Knien. Anstrengend war's! Aber trotzdem schön!

Da ging's runter... Dank an Jörg für's Foto!

Suchbild. Wo sind die Wanderer am Fels?
Das Adrenalin trägt mich weiter bis zur Kaunergrathütte, erst dort merke ich wieder die im Vergleich zum 2. kleinen Zeh riesige Blase, die sich drauf gebildet hatte, und die Altbekannten an den Fersen sowieso. Die Pflaster, die mittlerweile die Kompresse abgelöst haben, kleben nach 4 Wanderstunden irgendwo im Socken, nur nicht mehr auf der Haut. Daher vergrätzt mich das Gespräch mit den Ostfriesen und einem anderen Pärchen ziemlich - nein, verdammt nochmal, ich geh nicht noch bis zur nächsten Hütte! Da beruhigt mich nichtmal ein mittägliches Radler, ich lehne auf der Bank an der Hüttenwand und bin einsilbig. Schließlich sind wir doch "voll im Plan!", Gehetze will ich jetzt nicht. Wozu? Die Hütte liegt wunderschön mit Blick auf einen mächtigen Hängegletscher an der Watzespitze (3.533m), das Bier schmeckt, das Essen bestimmt auch, das Lager ist ganz niedlich. Und Siegfried auch schon da. Und ein Hundewelpe. Wir bleiben :-) Schauen einem Kletterkurs am Klettersteig zu. Lassen uns von Mitarbeitern der Aktion "Saubere Alpen" erklären, dass man bis Anfang der 90er Jahre noch Müll unter den Steinen begraben hat und sehen es prompt selbst, wie sie vor allem Bierdosen hervorklauben.

Nach 5 Tagen sehen sie schon besser aus...




Terassenblick


Im Matratzenlager haben wir dann ein besonderes Exemplar von Bergsteiger neben uns liegen. Der Wühler. Eine gefühlte Ewigkeit durchstöbert er seinen Rucksack, wirft meinen zweimal um und leert ihn fast mit aus, wühlt weiter in seinem Hüttenschlafsack. Brabbelt herum, weil wir das dritte, übrige Kissen auf dem freien Bett zwischen uns in Beschlag genommen haben und er es wohl gern gemopst hätte. Und dann schnarcht er. Für alle 10 anderen Mann zusammen. Und wühlt halb sechs morgens wieder. Es lebe die Gemeinschaft am Berg!

5. Tag Hotel Bergland, Nufels - Verpeilhütte

... oder: Auch wir brauchen mal ne Abkürzung!



Der Abend ließ es befürchten, der Morgen machte es klar: Es wird nix mit dem Höhenweg. Die Wolken waberten durchs Tal, dass wir sie hätten greifen können von unserem Balkon aus. Feiner Regen überzog immer wieder die Wiesen. Nix mit Sandalen. heute müssen die Bergschuhe wieder ran. Aber das auf einem ausgesetzten Höhenweg mit Kraxel-Einlagen, inklusive mindestens zweistündigem Hochmarsch auf der Straße? Nö. Dann lieber noch nen Kaffee und ein Extra-Brötchen vom großen Frühstücksbuffet. Und den Talweg eingeplant, von dem nach kurzer Zeit ein direkter Weg hinauf zur Verpeilhütte abgehen sollte. Vorher aber nochmal ins Bett, hat man ja nicht alle Tage, dass das Nest noch nach 8 Uhr bereitsteht. Erst gegen 11 Uhr waren wir so weit motiviert, die Füße so gut verarztet, die Regenkleidung so angepasst, dass wir losmarschieren konnten. Der Dritte, Jörg, wollte sich noch etwas Zeit lassen. Schlauer Mann. Während wir noch etwas nass wurden, ist er schon im Trocknen losgelaufen. Wir entledigten uns der Regenkleidung aber auch recht schnell wieder, sonst wären wir darunter genauso pitschnass geworden. Denn dank der Luftfeuchte rann uns der Schweiß nur so herab...

Netter Zeitvertreib am Wegesrand



Blick hinüber zum Madatschkopf und Madatschtürmen, irgendwo dazwischen geht der morgige Weg entlang...
Nach nicht ganz drei Stunden waren wir auch schon da. Vor uns lag die Verpeilhütte auf 2.025 Metern, eingebettet in einen Kessel, der begrenzt wird von hohen Felsen und Bergen wie dem Schwabenkopf (3.379m) und den Ausläufern der Verpeilspitze (3.425m). Ein rüstiger Rentner stand gerade in der Hüttentür und seine ersten Worte zauberten mir ein Lächeln ins Gesicht. "Nu, da gommt ma rein, ich geh jetze guggen, ob mein Audo noch steht." Breitestes Sächsisch im Hochgebirge. Herrlich. Siegfried kommt so gut wie jedes Jahr hierher. Lässt das Auto eine knappe Stunde unterhalb der Alm stehen und kraxelt dann in die Berge. Bis er 75 ist, will er jedes Jahr auf die Verpeilspitze klettern. Er ist jetzt 74. Und dieses Mal allein unterwegs. Respekt. Aber nicht nur das. Siegfried hat ein paar Jahre in meinem Heimatdorf gelebt. Und sein Schulfreund ist der Nachbar meiner Sandkastenfreundin. Die Welt ist klein! Im Gegensatz zu unserem Matratzenlager. Es ist kaum was los auf der Hütte, wir haben richtig viel Platz. Und eine richtig gute Köchin! Backerbsensuppe, Nudeln und Schokopudding geben abends die nötige Energie fürs Skat lernen. Jörg und ich finden's nicht recht logisch, Haimon könnte uns pausenlos über den Tisch ziehen (tut er natürlich nicht :-). Am Nebentisch sitzen Ostfriesen und schlagen vor, auf der nächsten Hütte mit uns um Geld zu spielen. Falls die Wattwürmer es über das Madatschjoch schaffen, einer von ihnen hat nämlich Höhenangst. Bei einem Abstieg durch einen Felskamin rund 20 Meter runter nicht unbedingt schön. Doch diese Sorgen kommen erst morgen...